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Was bleibt von der Euphorie um Martin Schulz?

Was bleibt von der Euphorie um Martin Schulz?

Von Michael Humboldt

Wesermarsch. Mitte Februar war der Ruck, der mit dem gerade installierten Hoffnungsträger Martin Schulz durch die SPD ging, auch in der Wesermarsch spürbar. Das spiegelte sich in einer Umfrage der Kreiszeitung wider mit heimischen SPD-Politiker. Kurz vor der Bundestagswahl ist allerdings auch in der Wesermarsch bei der SPD so manche Illusion auf der Strecke geblieben. Das bestätigen die gleichen Personen sieben Monate später.

Helmut Frerichs, der im hohen Alter noch an vielen SPD-Sitzungen teilnimmt und beruflich zuletzt Abteilungsdirektor der Bezirksregierung Braunschweig war, hatte sich im Februar durch Martin Schulz an die Willy-Brandt-Euphorie erinnert gefühlt. „Das würde ich heute natürlich nicht mehr so sagen“, sagte Helmut Frerichs gestern. „Beide sind doch sehr verschieden. Schulz entfacht Euphorie auf eine andere Weise, wobei die ganz große Begeisterung natürlich nachgelassen hat. Die Rahmenbedingungen sind für ihn sehr ungünstig. Die Grünen lassen nach, Merkel agiert sehr stark. Das macht die Ausgangslage schwierig“, glaubt Helmut Frerichs.

Dennoch zeigt er sich nicht enttäuscht vom Kanzlerkandidaten. „Er ist mutig, kämpft bis zum Letzten. Aber möglicherweise setzt er auf zu viele Themen und bietet zu viele Lösungen an. Das verwirrt die Leute vielleicht.“ So ist die Erwartungshaltung bei Helmut Frerichs für den kommenden Wahlsonntag gedämpft. „Noch ist aber nichts verloren, wobei meine größte Angst ist, dass die AFD drittstärkste Kraft und damit Oppositionsführer wird.“

Nach wie vor eine hohe Akzeptanz

Auch Karin Logemann, Vorsitzende im SPD-Unterbezirk Wesermarsch, zeigte sich im Februar von der Aufbruchstimmung beflügelt. „Ich spüre in allen Sitzungen die Begeisterung. Martin Schulz nimmt man die Bodenständigkeit ab. Man glaubt ihm, und das ist nicht so verbreitet in der Politik“, hatte Karin Logemann vor sieben Monaten verkündet. Die Euphorie habe sich gelegt, ganz klar. So etwas halte sich aber selten über einen längeren Zeitraum, relativierte sie gestern. „Ich halte ihn dennoch nach wie vor für super geeignet. Und das Kanzleramt braucht dringend ein neues Gesicht.“

Dass sich die Aufbruchstimmung auch in den verlorenen Landtagswahlen der SPD gelegt hat, will Karin Logemann dem Kanzlerkandidaten nicht in die Schuhe schieben. „Er hat in den Gremien der Partei nach wie vor eine hohe Akzeptanz. Ich glaube fest daran, dass unser Ergebnis am Sonntag besser ausfallen wird als die letzten Umfragen.“

„Die Wahrheit jedoch wird sich an der Wahlurne zeigen.“

Auch der frühere Stadtdirektor und heutige SPD-Fraktionsvorsitzende im Nordenhamer Stadtrat, Wilfried Fugel, räumte Martin Schulz im Februar glänzende Perspektiven ein. „Klar waren wir im Februar sehr glücklich, und gerade sieht es nicht so toll aus. Doch wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass wir den besseren Kandidaten haben. Die Wahl ist noch nicht gelaufen, zumal 30 Prozent der Wähler noch unentschlossen sind. Für mich ist Martin Schulz am Sonntag immer noch ein Hoffnungsträger“, sagt Wilfried Fugel. Gestern jedoch, so musste er einräumen, habe er sich beim Wahlkampf auf dem Nordenhamer Markt kalte Füße geholt. „Denn von der Demoskopie her stehen wir gerade auf der Schattenseite. Die Wahrheit jedoch wird sich an der Wahlurne zeigen.“

Hans Francksen, ehemaliger Nordenhamer Bürgermeister und Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion, war schon im Februar zurückhaltend. „Ich muss nicht viel zurücknehmen, glaube aber, dass Martin Schulz von den programmatischen Ansätzen her etwas hat, was andere nicht haben. Er hatte anfangs wenig Zeit und großen Pressedruck, musste im Gegensatz zur Kanzlerin gleich ein Programm präsentieren Ich hoffe, dass er mit einem guten Wahlergebnis dazu beitragen kann, dass eine vernünftige Regierung gebildet wird und kein diffuses Wahlergebnis entsteht. Das ist ja auch alles ein mathematischer Zufall, was da entstehen könnte. Und am Ende könnte es lange Gesichter geben“, befürchtet Hans Francksen.