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„Hey, gib bitte deine Stimme ab!“

„Hey, gib bitte deine Stimme ab!“

Von Susanne Schwan

Bremerhaven. „Ich mache mir schon Sorgen, ob ich nach dem Abi und einem Studium überhaupt Arbeit finde.“ Zukunftsangst: Für Svea-Marie Essen der vielleicht stärkste Motor, um am Wahl-Sonntag ihre Stimme abzugeben. Es ist die erste Bundestagswahl für die eben 18-Jährige. „Unsere Demokratie darf nicht wackeln, und die EU läuft Gefahr, alles zu verlieren, was sie erreicht hat“, drängt es auch Hagen Mondwurf, erstmals sein Kreuzchen zu machen. Die Schülerin und der Student sind zwei von 4235 jugendlichen Erstwählern in der Stadt.

Mitten im Abitur am Schulzentrum Geschwister Scholl steckt Svea-Marie. „Politik interessiert mich, auch wenn wir leider keinen Politik-Leistungskurs haben“, sagt die 18-Jährige. Ins Verlagswesen möchte sie am liebsten, „ich liebe Bücher, und darum will ich Germanistik studieren, aber dazu muss ich den Numerus clausus von 2,1 schaffen.“

„Die Entwicklung der Wirtschaftsunion ist spannend“

Schon mitten drin im Studium steckt Hagen Mondwurf – nach dem Abi am Schulzentrum Carl von Ossietzky hat er sich in Bremen für Geschichte und Politik eingeschrieben.  „Mich würde interessieren, in einer EU-Organisation mitzuarbeiten.“ Warum? „Die Entwicklung der Wirtschaftsunion ist spannend. Aber die Anti-Europa-Bewegung nervt mich. Und vor allem, dass dort ein Gesetz gegen Internet-Trolle verabschiedet werden konnte, obwohl das halbe Plenum gar nicht da war.“

Es geht darum, gegen „Hass-Tiraden“ im Internet vorzugehen, „binnen 24 Stunden sollen Hate-Speaches bei Facebook und Twitter gelöscht werden. Aber“, der Student redet sich in Fahrt, „jeder kann dort melden, welche Meinung ihm nicht passt, und aus Angst vor Bußgeld wird einfach alles ungeprüft gelöscht.“ Der Gesetzestext sei von nur wenigen EU-Abgeordneten durchgewunken worden. „Ich will auch nicht, dass meine WhatsApp-Daten abgefangen werden, das ist meine Privatsphäre. Das Problem ist, dass Politiker immer weiter wegrücken von unserer Lebensrealität.“ Darum, sagt Svea-Marie, habe sie „Angst, dass populistische und radikale Parteien eine Mehrheit gewinnen könnten“. Es treibe sie um, wie es in Deutschland und Europa weitergehe: „Werden die Chancen für die junge Generation eingeschränkt, unsere Freiheit, unser Lebensraum weiter beschnitten?“

Umgangssprache statt dicker Wahlprogramme

Andererseits empfindet es die junge Schierholzerin als schwierig, sich für eine für sie „richtige“ Partei zu entscheiden. „Sich durch 110 Seiten Wahlprogramm kämpfen zu müssen, ist schlecht. Die großen Parteien müssten uns junge Wähler in unserer Umgangssprache ansprechen, ich hätte mir auch Frage-Runden mit Jugendlichen auf YouTube gewünscht.“

Das trifft Hagens Nerv: „Im Netz präsentieren sich die extremen Parteien noch am besten, aber das ist gefährlich. Und die Volksparteien haben ihre Konturen verloren. Es gibt zu viele alte Köpfe in der Politik. Der britische Brexit wurde ja auch von den Alten durchgedrückt, nicht der Jugend.“ Was beiden Erstwählern auf den Nägeln brennt, zählen sie auf: „Mehr Lehrer, bessere Bedingungen für Altenpfleger und Erzieher, Kampf gegen die Kinderarmut, gegen Arbeitslosigkeit, die Massentierhaltung und gegen vergiftete Lebensmittel.“

Svea-Marie wünscht sich in Bremerhaven vor allem mehr Polizeipräsenz: „Es gibt Gegenden in Lehe, durch die ich mich als Mädchen nicht traue. Und ich kriege Angst um mein Wohnviertel, weil es im Schierholz jetzt dauernd brennt. Die Kriminalität in unserer Stadt macht vielen Jugendlichen Angst.“

Hagen fordert für Bremerhaven „mehr Jobs, denn es ist schlecht für die Demokratie, wenn sich die Hartz-IV-Spirale immer enger dreht. Das zieht so viel nach sich. Es verrotten hier auch zu viele Häuser. Die Politiker dürfen nicht über Tourismus und Havenwelten die Probleme in den Quartieren vergessen“. Aber, kontert Svea-Marie, „es war absolut richtig, auf den Tourismus zu setzen, man muss noch mehr Besucher herlocken, das ist doch eine tolle Stadt.“ Beide fordern im Freundeskreis energisch auf, „gib deine Stimme ab“. Zu wählen, sagen sie, „ist ein Privileg. Wer nicht wählt, darf später nicht motzen“.